Lust auf neue Ideen und neue Städte

Die Schönheit der Architektur ist im Wohnungsbau elementar. Nur die Architektur, die von den Menschen gut angenommen und mit Leben gefüllt wird, trägt zu einem Wohlgefühl und einer lebenswerten Stadt bei. Deshalb haben rund 50 Mitglieder der Vereinigung baden-württembergischer kommunaler Wohnungsunternehmen mit renommierten Experten der Psychologie, Architektur, Landschaftsarchitektur und Projektentwicklung am 10. April in Mannheim zum Leitthema Architekturpsychologie getagt.

"Wir müssen die umfassende Wirkung betrachten. Wohnungsbauunternehmen in den Städten sind unsere Partner, die über lange Zeit ihre Verantwortung immer wahrgenommen haben. Im Schulterschluss werden wir den Herausforderungen der Zukunft gerecht", begrüßte Bürgermeister Lothar Quast die Teilnehmer.

Qualität für die Menschen 
Die Einführung in die Architekturpsychologie hielt Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger, Vorsitzender des IWAP Instituts für Wohn- & Architekturpsychologie aus Graz. Ziel des Instituts ist es, ein ganzheitliches Bild vom menschengerechten Wohnen zu etablieren. Wie Räume, Gebäude und Umfeld auf Menschen wirken und wie man die Qualität für die Menschen erhöht, sind die zentralen Fragen. Er betonte: "Das Knowhow der Architekturpsychologie trägt nicht dazu bei, Gebäude teurer zu machen, sondern sie besser zu machen."

Der Schutz der Privatsphäre ist ein Grundbedürfnis der Menschen. "Wir teilen Wohnungen nach Funktionen ein. Aus psychologischer Sicht gibt es weitere Ebenen: persönliche Bereiche, soziale Aktionsbereiche, Affiliation - das Gefühl zu haben, in der Nähe von anderen Menschen zu sein." Mit der Einbindung der Wohnpsychologie in der Entwurfs- und der frühen Planungsphase ließen sich viele Fehler vermeiden, die Abschottung, Angsträume, Vandalismus oder Einbruchstendenzen begünstigen. Er plädierte dafür, die Forschungsergebnisse aus den Humanwissenschaften beim Bauen ebenso zu berücksichtigen wie die technischen Aspekte.

Öffentlicher Raum als Sozialraum 
"Haben wir überhaupt die Zeit, um über schöne Architektur zu sprechen, wenn so viele Wohnungen fehlen? Oder müssen wir nicht gerade jetzt, wo wir so viel bauen, über die Frage nachdenken, wie Quartiere aussehen?" Damit eröffnete Laura Weißmüller, Architekturkritikerin und Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, die Diskussionsrunde zu den städtebaulichen Grundlagen schöner Architektur und Quartiersgestaltung.

Für den Architekten Prof. Christoph Mäckler, Gründer des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, geht es um die Gestaltung öffentlicher Räume und den Städtebau: "Der öffentliche Raum ist der Sozialraum unserer demokratischen Gesellschaft. Um ihn müssen wir uns kümmern." Bis ins 20. Jahrhundert hinein seien die Städtebauer Architekten gewesen und hätten sehr genau gewusst, was Stadtraum sei und wie er funktioniere. Heute dagegen fehle der private Raum in der Stadt, wie ihn die frühere Bebauung mit Wohnhöfen biete. "Das ging mit den 1968er-Jahren verloren, als wir meinten, allein mit Sozialfragen vorwärts zu kommen und nicht mehr mit der Gestaltung."

"Wir werden künftig nicht mehr am Bauen, sondern am Kultivieren gemessen", so Andreas Kipar. Er ist Landschaftsarchitekt und Gründer von Landscape Architecture Nature Development in Mailand. "Wir wollen nicht mehr nur wohnen, wir wollen leben. Ethik und Ästhetik spielen eine besondere Rolle." Er beobachtet weltweit ein wachsendes Bedürfnis an der Natur. "Natur ist das Unvergängliche, das wir messen können. Ein Antidot gegen die Angst, die uns die Digitalisierung macht." Ob in der Wohnung, auf dem Balkon, im Garten oder in den Städten - Natur sei ein entscheidendes Bedürfnis: "Landschaft ist das, was uns zusammenfügt."

Zeit nehmen für die Stadt 
Die Natur als Grundbedürfnis: Dieser Feststellung stimmt Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger voll zu. Gefragt nach einem Werkzeugkasten für schöne Quartiere antwortete er: "Das gesamte Umfeld muss auf die menschlichen Bedürfnisse abgestimmt sein. Dabei hat die Naturwahrnehmung einen starken Einfluss auf das Schönheitsempfinden." Andreas Kipar ergänzte: "Mit jedem neuen Bau sollte man auf die Herausforderungen der Gesellschaft reagieren. Bevor wir anfangen zu bauen, müssen wir das Bezugssystem und das Umfeld betrachten." Er forderte außerdem: "Nehmen wir uns Zeit für uns, unsere Stadt und unsere Gesellschaft." Mit alten Methoden könne man keine neuen Planungsergebnisse erwarten; es brauche Mut und neue Perspektiven. Aus seiner Sicht ist es wichtig, Brücken zu schlagen zwischen der Kultur und der Natur.

Prof. Christoph Mäckler betonte vier Bausteine. Man müsse wie früher die soziale Mischung auf einem Grundstück berücksichtigen. Durch funktionale Mischung solle man dafür sorgen, dass die Neubaugebiete nicht nur Wohnungen, sondern auch Arbeitsräume haben. Weiterhin ist die Dichte aus seiner Sicht ein wichtiges Thema. Nur mit genügend Bewohnern funktionieren Einrichtungen wie Geschäfte und Cafés. Eine höhere Dichte auf den Grundstücken spare zudem Kosten. Grundlage eines humanen und schönen Städtebaus ist der öffentliche Raum: "Der Platzraum ist für die Stadtgesellschaft, was der Wohnraum für die Familie ist."

Wohnraum zum Verwurzeln 
Die zweite Diskussionsrunde beschäftigte sich mit der Umsetzung schöner Architektur und Quartiersgestaltung, insbesondere im sozialen Wohnungsbau. Laura Weißmüller leitete ein mit der Frage, warum man bei ästhetisch schöner Architektur nicht an den sozialen Wohnungsbau denke. Rainer Hofmann, Inhaber von bogevischs buero architekten & stadtplaner gmbh aus München, stellte fest, dass Deutschland in diesem Punkt schon einmal weiter war und sich in den 1990er-Jahren intensiv damit beschäftigt habe. "Da sollten wir schnell wieder hinkommen. Wir müssen weiterdenken, ins Quartier hinein, und nicht an der Außenwand des Gebäudes aufhören." Menschen brauchen einen Ort der sozialen Mischung und die Sicherheit, dass sie dort längerfristig bleiben können. "Es geht darum, Wohnraum zu bieten, in dem sich die Menschen verwurzeln können. Nur dann engagieren sie sich auch an diesem Ort."

"Man sollte nicht erkennen, wo wer wohnt. Wir wollen eine soziale und kulturelle Mischung und Außenräume als Orte der Begegnung und des Austauschs", so Achim Judt, Geschäftsführer der MWS Projektentwicklungsgesellschaft, die die Mannheimer Konversionsflächen entwickelt. Dr. Magdalena Szablewska, Technische Geschäftsführerin der Freiburger Stadtbau GmbH, stimmte zu: "Wir bieten die Qualitäten jedem, der in unseren Quartieren wohnt, ob in einer Sozial- oder Eigentumswohnung." Sie ergänzte, dass der soziale Wohnungsbau heutzutage breite Bevölkerungsschichten erreicht, aber trotzdem noch stigmatisiert wird.

Katalysator für eine neue Gemeinschaft 
Achim Judt setzt auf Kooperation: "Stadtentwicklung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen wieder eine Gesellschaft werden. Jeder fragt sich, wie er leben will, aber nicht, wie wir leben wollen." Man müsse gleichzeitig verdichten und Freiräume schaffen, die die Menschen annehmen. Für ihn braucht es Menschen, die an einem Strang ziehen, die Ideen und Visionen haben und sie gemeinsam umsetzen wollen. Weder Wettbewerbe noch Bürgerbeteiligung seien das Allheilmittel von Bauaufgaben oder der Stadtentwicklung.

Auch für Rainer Hofmann ist der Dialog der Projektbeteiligten wichtig. "Für eine lebendige Stadt bedarf es einer verzahnten Entwicklung und den Mut, einen Schritt weiter zu gehen. Wir müssen radikaler diskutieren und früher partizipieren. Das kann auch zu höherer Identifikation führen." Es gehe um gemeinsame Ziele und das intelligente Verteilen der vorhandenen Gelder.

Soziale und kulturelle Infrastruktureinrichtungen sind für Dr. Magdalena Szablewska der Katalysator für eine neue Gemeinschaft bei der Entwicklung von neuen Baugebieten. Es geht darum, Identität zu schaffen. "Wir müssen die Qualitäten des Ortes in die Zukunft überführen. Das ist eine interdisziplinäre Aufgabe." Dazu müssen in der Ausbildung von Architekten und Stadtplanern die Grundbedürfnisse des Menschen eine grundlegendere Rolle spielen und Architektur, Städtebau und Management eine Klammer bilden. Laura Weißmüller fasste zusammen: "Zwei Werkzeuge sind wichtig - Mut auf vielen Seiten wie der Politik, von Wohnungsbaugesellschaften und von Architekten - und Lust auf neue Ideen. Architektur kann zeigen, dass wir Lust auf neue Städte haben."

 

Über die KoWo

In der Vereinigung baden-württembergischer kommunaler Wohnungsunternehmen, kurz KoWo, haben sich rund 60 kommunale und landkreisbezogene Wohnungsunternehmen zusammengeschlossen. Sie verwalten über 136.000 Mietwohnungen und gehören mit einem Investitionsvolumen von über 800 Millionen Euro zu den wichtigsten Auftraggebern der heimischen Bauwirtschaft. Ziel der seit 1990 bestehenden Vereinigung ist es, ihre spezifischen Interessen auf Landesebene zu vertreten und zu bündeln.

www.kowo-bw.de 

KoWo-Tagung Architekturpsychologie 10. April in Mannheim
Referenten und Gastgeber: Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger (Vorsitzender des IWAP Instituts für Wohn- & Architekturpsychologie), Rainer Hofmann (Inhaber von bogevischs buero architekten & stadtplaner gmbh), Andreas Kipar (Gründer von Landscape Architecture Nature Development), Laura Weißmüller (Redakteurin der Süddeutschen Zeitung), Dr. Magdalena Szablewska (Technische Geschäftsführerin der Freiburger Stadtbau GmbH), Prof. Christoph Mäckler (Gründer des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst), Peter Bresinski (Vorsitzender der Vereinigung baden-württembergischer kommunaler Wohnungsunternehmen), Achim Judt (Geschäftsführer der MWS Projektentwicklungsgesellschaft) und Karl-Heinz Frings (Geschäftsführer der GBG - Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft mbH) (von links nach rechts)
KoWo-Tagung Architekturpsychologie 10. April in Mannheim
Expertendiskussion mit Andreas Kipar, Prof. Christoph Mäckler, Laura Weißmüller und Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger (von links nach rechts)
KoWo-Tagung Architekturpsychologie 10. April in Mannheim
Expertendiskussion mit Dr. Magdalena Szablewska, Rainer Hofmann, Laura Weißmüller und Achim Judt (von links nach rechts)

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