Zusammenspiel von Mensch, Raum und Natur

Auf Einladung der diskutierten Experten beim ersten Online-Symposium der Gesellschaft die Frage „Wie gestalten wir die Stadt der Zukunft?“. Das Symposium bildet den Auftakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten der Gesellschaft, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert.

Eine immer älter werdende Gesellschaft, die Pluralisierung der Lebensentwürfe sowie die Veränderung des Klimas und nicht zuletzt die Corona-Pandemie haben gezeigt: Die Anforderungen und Bedürfnisse von Menschen an ihr Wohnumfeld und an Städte haben sich geändert. „Wie wir wohnen und arbeiten wird gerade völlig neu hinterfragt“, mit diesen Worten leitete Moderatorin Christiane Varga vom Zukunftsinstitut in Wien das erste GGH-Online-Symposium ein. Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens hatte die GGH Experten verschiedener Disziplinen eingeladen, gemeinsam mit Geschäftsführer Peter Bresinski und Heidelbergs Erstem Bürgermeister Jürgen Odszuck Visionen für die Stadt der Zukunft zu diskutieren. Rund neunzig Minuten sprachen sie gemeinsam mit Professor Christoph Mäckler, Architekt und Gründer des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, und Professor Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt und Gründer von Landscape Architecture Nature Development, sowie der aus Wien zugeschalteten Trend- und Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern, Mitbegründerin des in Frankfurt und Wien ansässigen Zukunftsinstituts, über Wege der Stadtentwicklung. 

Bevor es um die Zukunft ging, warf Gastgeber Peter Bresinski zunächst einen Blick in die Vergangenheit des Unternehmens. Als kommunales Wohnungsunternehmen habe die GGH seit ihrer Gründung immer wieder Pionierarbeit geleistet und soziale Verantwortung übernommen. Dies habe bereits mit der Vorgängergesellschaft, der Gemeinnützigen Siedelungsgesellschaft Atzelhof mbH, im Jahr 1921 begonnen, die dringend benötigten Wohnraum bereitstellte. Seitdem habe die GGH überall dort, wo neue Gebiete, Stadtteile oder Konversionsflächen und Industriebrachen erschlossen wurden, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung gestellt.

Soziale Verantwortung seit 100 Jahren
„Fest steht, wir haben heute so viel zu tun, wie selten zuvor. Es befinden sich momentan rund 1.500 Wohnungen im Bau und in der Projektierung. Hinzu kommen sehr viele Infrastrukturprojekte, wie beispielweise der SNP dome oder das Konferenzzentrum HCC“, berichtete Bresinski. Dies stelle nicht nur die GGH vor dem Hintergrund einer Nullzinspolitik, bei gestiegenen Baupreisen und einer nach wie vor großen Nachfrage vor Herausforderungen. Es gelte, das Gleichgewicht zwischen sozialem, ökologischen und gleichzeitig notwendigerweise ökonomischen Handeln zu halten. Der GGH-Geschäftsführer dankte ausdrücklich allen, die im Verlauf der Jahre durch ihren Einsatz und ihr Engagement zum Erfolg des Unternehmens beigetragen haben: „Denn ein Unternehmen ist zunächst nur eine Idee, ein Blatt Papier, und dann kommt es auf die Menschen an, die etwas aus dieser Idee machen.“

Für Oona Horx-Strathern hat die Corona-Pandemie gesellschaftliche Veränderungen, die sich bereits abgezeichnet haben, noch einmal verstärkt. Zu dem Trend der zunehmenden Individualisierung, zu immer mehr Single-Haushalten, hat sich nun auch der Wunsch nach mehr Beziehungen, nach einer stärkeren Vernetzung und mehr Konnektivität gesellt. „Wenn wir Krise als Chance sehen wollen, müssen wir genau hinsehen, wie Menschen im letzten Jahr ihre Vorstellungen vom guten Wohnen verändert haben“, forderte Horx-Strathern. Ein Beispiel dafür sei die Verschmelzung der Wohn- und Arbeitswelt – von Home und Office. „Ich habe dafür den Begriff des `Hoffice´ geprägt, nicht nur, weil er kürzer ist, sondern weil er für mich auch ein bisschen wie Hoffnung oder Hope klingt“, sagte Horx-Strathern.

Räume als Ausdruck des Zeitgeistes
Professor Andreas Kipar stimmte Oona Horx-Strathern darin zu, dass die Corona-Pandemie den Zeitgeist verändert hat: „Und hierfür brauchen wir Formen, das ist das Entscheidende“, erläuterte Kipar. Waren es vor 100 Jahren Bauten, in denen sich der Zeitgeist widerspiegelte, so seien es heute vor allem die Zwischenräume: „Wir brauchen neue Freiräume, um unserem Zeitgeist Ausdruck zu geben.“ Diese neuen Räume könnten, so der Experte, ebenso in geänderten Funktionszuschreibungen innerhalb der Wohnung wie im öffentlichen Raum liegen. 

„Wir müssen den öffentlichen Raum so gestalten, dass sich die Gesellschaft in ihm wohlfühlt“, betonte Professor Christoph Mäckler. Für ihn ist die europäische Stadt der Ort, in dem sich der Mensch am wohlsten fühlt. Hier gebe es neben einer sozialen auch eine funktionale Mischung. Er plädierte für eine neue Selbstverständlichkeit der Architektur, die zur Einfachheit zurückkehre. „Der öffentliche Raum wird gefasst von den Fassaden der Gebäude, die diesen Raum umschließen“, betonte Mäckler. Aus diesem Grund müsse auf die Gestaltung dieser Fassaden in Zukunft wesentlich mehr Wert gelegt werden. Eine gute Fassade ist für ihn „kein Haus mit Hüftschwung oder irgendwelchen Hypes“, sondern ein ganz normales Haus, das unter anderem auch auf örtliche Materialien zurückgreift.

Als Teilchenbeschleuniger für bereits bestehende Trends, die zum Teil eine Umdeutung erfahren würden, sieht Heidelbergs Erster Bürgermeister Jürgen Odszuck die Corona-Pandemie. So wie die Räume einer Wohnung, beispielsweise die Küche, eine ganz neue Bedeutung und auch neue Attraktivität bekommen hätten, sei dies auch im öffentlichen Raum zu beobachten. „Was ist die Küche Heidelbergs?“, stellte er als Frage in den Raum und beantwortete sie gleich selbst: „Die Promenade in der Bahnstadt.“  Für den Baubürgermeister liegt dies an der Lage und Gestaltung der Flaniermeile: Mit dem freien Feld vor sich und der Stadt im Rücken biete sie für jeden etwas und habe einen Rhythmus. 

Für Professor Christoph Mäckler ist das von der GGH ebenfalls in der Bahnstadt errichtete Quartier MEILEN.STEIN ein Paradebeispiel für einen Gebäudetyp, der den öffentlichen Raum mit der von ihm geforderten Selbstverständlichkeit umschließt. „Die Fassaden sind klar strukturiert und lassen die einzelnen Wohnhäuser erkennen“, konstatierte Mäckler. Kritischer sah er die Gestaltung des Innenhofs auf dem knapp 22.000 Quadratmeter umfassenden Areal mit Wohnungen und Gewerbeflächen. Der Innenhof werde durch einen öffentlichen Fußweg zweigeteilt. „Der Innenhof muss den Bewohnern vorbehalten sein. Dies ist kein öffentlicher, sondern ein privater Raum“, forderte Mäckler. 

Das Quartier MEILEN.STEIN ist für Professor Andreas Kipar ein Beispiel dafür, dass der Mensch neben dem gestalteten Raum immer auch einen offenen Raum, einen Freiraum benötigt. Stadt müsse vom Unbebauten her gedacht werden. „Wir müssen dem rationalen Denken jetzt Empathie entgegensetzen“, forderte der Landschaftsarchitekt. So entstünden positive Störungen, die die Ordnung und die Perfektion durchbrächen. Wir brauchen wieder mehr Natur in den Städten, so sein Appell.

Stadt der Zukunft
Einig waren sich die Experten darin, dass es eine Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum geben müsse. Durch die Corona-Pandemie sei noch einmal deutlich geworden, dass der Mensch beides brauche: einen Ort, an den er sich zurückziehen und einen Ort, an dem er anderen begegnen kann.

Die Stadt der Zukunft sollte eine menschenfreundliche und eine resiliente Stadt sein. Damit sie diese Aufgaben erfüllen kann, müsse sie das Leben in den Mittelpunkt stellen. Keine Monostrukturen, sondern lebendige Vielfalt mit der Natur als Vorbild heißt das Postulat der Stunde.  

Der Link zur vollständigen Aufzeichnung des Online-Symposiums: 
www.ggh-heidelberg.de/livesymposium/

Aktivitäten der GGH im Jubiläumsjahr
Am 3. März erschien das Jubiläumsbuch „100 Jahre GGH – 100 Jahre soziale Verantwortung“, das auf knapp 170 Seiten nicht nur die Geschichte des Unternehmens, sondern auch die Entwicklung der Stadt Heidelberg erzählt. Das Buch ist in den Heidelberger Stadtbuchhandlungen von Schmitt & Hahn erhältlich.

Zeitgleich ist eine Jubiläums-Website online gegangen. Eine interaktive Karte auf der Seite zeigt wegweisende Projekte der GGH in verschiedenen Heidelberger Stadtteilen. Hintergrundgeschichten beleuchten zudem einzelne Siedlungen, Quartiere und weitere Großprojekte der GGH. Die Jubiläums-Website ist unter www.ggh-heidelberg.de oder über den Link www.100jahre.ggh-heidelberg.de verfügbar.

Im Juni werden die Feierlichkeiten mit der Eröffnung eines Museums-Duos in der historischen Siedlung „Blaue Heimat“ in Handschuhsheim fortgesetzt. Eine im Stil der 20er-Jahre eingerichtete Museumswohnung mit begleitender Ausstellung in einem ehemaligen Ladenlokal veranschaulichen die Lebensweise der damaligen Zeit. Dank moderner museumpädagogischer Installationen erleben die Besucher die historische Wohnung mit allen Sinnen: So können sie beispielsweise den Dialogen der Familie lauschen oder in der Wohnküche Back- und Kaffeeduft wahrnehmen. 

Im Sommer startet zudem eine Mitmach- und Gewinnaktion für die Mieter der GGH. Weitere Termine für folgende Veranstaltungen werden aufgrund der aktuellen Situation bekannt gegeben, sobald Planungssicherheit besteht.

Über die Stadt der Zukunft diskutierten (v.l.n.r.): GGH-Geschäftsführer Peter Bresinski, Heidelbergs Erster Bürgermeister Jürgen Odszuck, Moderatorin Christiane Varga (Zukunftsinstitut Wien), Professor Christoph Mäckler (Deutsches Institut für Stadtbaukunst, Frankfurt) und Professor Andreas Kipar (LAND – Landscape Architecture Nature Development, Mailand). Aus Wien vom Zukunftsinstitut zugeschaltet war Trendforscherin Oona Horx-Strathern

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